Daniel Haag-Wackernagel
Besprechungen

Daniel Haag-Wackernagel
Die Taube
Vom heiligen Vogel der Liebesgöttin zur Strassentaube
248 Seiten mit 312 Abbildungen und 2 Karten
Grossformat 23,5 x 30,5 cm
Schwabe & Co. AG, Basel, Switzerland 1998

The Pigeon
From the Holy Bird of the Goddess of Love to the Feral Pigeon
An English supplementum
translated by Derek Goodwin
Schwabe & Co. AG, Basel, Switzerland

 

 

Hartmut Böhme, Neue Zürcher Zeitung, 1998
Christian Marti, Ornithologischer Beobachter, 1998
Emilio Gárcía Estébanez, Estudios Filosoficos, 1999

Neue Zürcher Zeitung
24.12.1998:
Die Propheten unter den Vögeln
Daniel Haag-Wackernagels Kulturgeschichte der Tauben

Von Hartmut Böhme

Es leben etwa 500 Millionen Tauben auf der Erde. Von unzählbar vielen Menschen werden sie geliebt, gehalten, gepflegt, gefüttert, von anderen dagegen als die Flugratten der Big Cities verachtet und verfolgt. Religions- und Kulturhistoriker erforschen den beinahe einzig dastehenden Symbolreichtum der Tauben. Volkskundler untersuchen die Einsätze der Tauben in Ritualpraktiken, Medizin, Landwirtschaft und Alltagskultur vom alten China bis Nordamerika. Kunsthistoriker verfolgen die Wanderwege der Tauben als Bildzeichen in sakraler wie profaner Kunst. Medientheoretiker interessieren sich für die Brieftauben, welche bis zur Erfindung des Telegraphs unangefochten das schnellste übertragungsmedium darstellten.

Ein Standardwerk

Man muss Daniel Haag-Wackernagel, Privatdozent für Medizinische Biologie an der Universität Basel, für ein Buch loben, das auf beispielhafte Weise die kulturellen Faktoren einer Universalgeschichte der Tauben versammelt, durch die verschiedenen Kulturen verfolgt und in den wissenschaftlichen Aspekten der Genetik und Verhaltensbiologie überaus verständlich darstellt. Eine Kostbarkeit aber wird dies Buch dadurch, dass der Autor im Basler Verlag Schwabe einen Partner fand, der aus der Vorlage ein graphisch überaus ansprechendes Werk gemacht hat, welches Auge und Geist gleichermassen befriedigt. Aus der Masse schlampig gemachter Bücher ragt das angezeigte Werk durch seine exzellente Layout und Abbildungsästhetik und seine wissenschaftliche Qualität heraus.
Ohne Zweifel wird sich das Werk von Haag-Wackernagel als das Standardwerk zur Kulturgeschichte der Tauben durchsetzen. Das seinerzeit zum Klassiker erhobene «Tauben-Buch» von Hilmar Hoffmann (1982) ist damit schlagartig abgelöst. Mit seiner Sammlung der kulturhistorischen Bildzeugnisse und Illustrationen, vor allem aber durch die abgesicherte Seriosität der wissenschaftlichen Darstellung übertrifft Haag-Wackernagel seinen Vorgänger bei weitem.
Für das Studium des Verhältnisses von Natur und Kultur kann es kaum ein besseres Beispiel geben als die Tauben. Alle Columbiden stammen von wilden Felstauben ab. Doch vermutlich seit Beginn der Agrarwirtschaft hat sich Zug um Zug das Leben der Tauben mit den Kulturformen der Menschen verbunden. Umgangssprachliche Namen wie Haus-, Strassen- oder Brieftaube bezeichnen recht gut, dass alle nichtwilden Taubenarten - dies sind die meisten - «auf der Grenze» zwischen Natur und Kultur leben. Die ohnehin kaum zu überschätzende Bedeutung, die Tiere für den Aufbau der materiellen wie der symbolischen Kultur gespielt haben, zeigt sich besonders klar an der Taube. Wenn man heute Tauben als Bioindikatoren für ökologische Verhältnisse in Städten verwendet, so könnte man sie für die vergangenen 6000 Jahre gleichsam als «Mikrologien», als signifikante Anzeiger der jeweiligen Kultur lesen. In dieser Weise hat Haag-Wackernagel sein Buch angelegt. Wenn er den «Weg der Taube durch Völker und Zeiten» nachzeichnet, dann öffnet er immer das Fenster weit genug, um ganzer Kulturen ansichtig zu werden.
Diese Verwebung von Taubenhistorie und Humangeschichte gelingt deswegen, weil bereits die alten Hochkulturen der Welt überraschend viel Zeugnisse ihres Verhältnisses zu Tauben hinterlassen haben. Und zwar Zeugnisse, die in die kulturelle Mitte der jeweiligen Kultur führen. Eben dies zeigt, dass Tauben bereits sehr früh intensiv «semantisiert» wurden, d. h. einen bedeutungsvollen Platz in der symbolischen Ordnung der Kulturen erhielten; ebenso wie wichtige Praktiken sowohl sakralritueller wie agrarwirtschaftlicher Art, mit Tauben verbunden wurden. Derart aus Kleinem grosse Zusammenhänge zu buchstabieren gelingt dem Autor, weil er über die archäologischen, schriftlichen und bildkünstlerischen Zeugnisse von Tauben seit den ältesten Dokumenten souverän verfügt. Man kann das Buch systematisch lesen, aber ebenso in ihm geniessend spazieren oder es als Nachschlagewerk benutzen.

Tauben als «Shifter»

Man hat sich gefragt, warum die Mehrzahl der primitiven Kulturen - doch ebenfalls der so genannten Hochkulturen - eine rituelle Haltung einnehmen gegenüber vielen Tieren und Pflanzen. Diese religionswissenschaftliche Frage wird bei Haag-Wackernagel nur verhaltensbiologisch beantwortet. Dabei ist die Taube ein prominentes Beispiel dafür, dass Tiersymboliken zwar von überkultureller, aber nicht von biologischer Evidenz sein können. Tauben sind symbolkräftig nicht wegen ihrer biologischen Eigenschaften, sondern weil sie, seit dem Alten Orient, die Funktion eines kulturellen «Shifters» erhalten haben.
Dies sei an einem Beispiel verdeutlicht. Der Kunstwissenschafter Aby Warburg hat zeitlebens an den Ost-West- und Süd-Nord-Wanderungen der symbolischen Formen gearbeitet, um daraus die Umwandlungsgesetze kultureller Energien zu entziffern. Entsprechend arbeitet Haag-Wackernagel die Wandlungen heraus, welche die Tauben als Tempel- und Attributtiere der vorderorientalischen Mutter-Göttinnen, der Ischtar und Astarte erfahren bis zu deren antiken Nachfolgerinnen, Aphrodite und Venus. Diese Ost-West Bewegung der Personifikationen der erotischen Macht und der Vegetation erfährt im Christentum einen entscheidenden Knick, den man an der semantischen Umbesetzung der Tauben ablesen kann. Sie werden zum spiritualisierten und entsexualisierten Symboltier der Keuschheit (Maria), des Heiligen Geistes, der gehorsamen Sohnschaft Jesu (z. B. bei der Taufe), der körperlosen Seele (die Taube als Seelentier) usw.

An den Tauben sind die Verlaufslinien der Religionen, ihre Konflikte, ihre semantischen Zentren, ihre dominanten Symbolpolitiken abzulesen. Haag-Wackernagel zeigt, dass solche Genealogien nicht nur zu einer diachronen Folge von Symbolisierungen geführt haben, sondern langfristig eine semantische Anreicherung der Taube erzeugten. Aus linearen Prozessen werden à la longue synchrone Felder oder Schichten, welche die symbolische Ordnung einer Kultur darstellen. War die Taube erst ein Eros-Tier und später ein Geist/ Tugend-Tier, so wird sie entsprechend der inneren Widersprüche der christlichen Kultur auf Dauer beides zugleich: Symbol schnäbelnder Verführung wie ehelicher Treue, von naturhafter Fruchtbarkeit wie immaterieller Geistigkeit.
Die Tauben bieten ein historisches Lehrstück für das Studium der Symbiose von Kultur und Natur. Sie lehren viel Einzelnes; und im ganzen dies: Die kulturelle Dynamisierung dieser Tierart führte dazu, dass sie eine Fitness erhalten hat, die sie für die Menschen, die jene erst erzeugt haben, unbesiegbar macht. Darin steckt eine eigentümliche Dialektik, die ökologisch wichtig ist: Wir sind nicht nur Zerstörer von biologischen Arten und müssen ohne das Zerstörte leben, sondern sind auch die Kreatoren einer sekundären Natur, die wir nur noch akzeptieren können. So sind auch die Tauben unterdessen eine stille Naturmacht, deren wir nicht mehr Herr werden können (selbst wenn wir wollten), sondern mit der wir uns einrichten müssen. So beschliesst Haag-Wackernagel sein Buch.

Hartmut Böhme

 

Ornithologischer Beobachter, Band 95, Heft 4, Dez. 1998:

 

HAAG-WACKERNAGEL, D. (1998): Die Taube. Vom heiligen Vogel der Liebesgöttin zur Strassentaube. Schwabe, Basel, 248 S., 312 Abb., 2 Karten. Fr. 85.-. ISBN 3-7965-1016-7. - Daniel Haag hat seine wissenschaftlichen Arbeiten einem Vogel gewidmet, der für Biologen nicht besonders attraktiv erscheinen mag: er ist viel zu allgegenwärtig und «gewöhnlich». Die Ergebnisse aber sind spannend, und zwar sowohl aus der Sicht der Verhaltensforschung als auch aus einem ganz praktischen Blickwinkel: Sie liefern Ansätze zur vernünftigen, tiergerechten Lenkung der Taubenbestände. All diese Aspekte sind auch im neuen Buch enthalten, klar und knapp dargestellt und gut dokumentiert. Der Schwerpunkt des reich illustrierten, grossformatigen Bandes liegt aber eher im Kulturgeschichtlichen. Aus über 3 Jahrtausenden hat der Autor Quellen und Bilder zusammengestellt und gibt damit ein lebendiges Bild von der Beziehung zwischen Tauben und Menschen. Für ornithologisch Interessierte mit weitem Horizont (bis zu Orientalistik, Altphilologie, Religionsgeschichte, Soziologie und Kunstgeschichte) ein wunderbares Buch und ein Musterbeispiel für die interdisziplinäre Behandlung eines «Gegenstandes».

C. Marti

 

Estudios Filosoficos (Istituto Superior d'Filosofia, Vallodolid, E) 137: 164–165, 1999:

Haag-Wackernagel, Daniel, Die Taube. Vom heiligen Vogel der Liebesgöttin zur Strassentaube (Schwabe, Basel 1998) 245 pp., 23 x 30 cm.

La paloma es una de las especies animales que más cerca se ha instalado del hábitat humano, una moradora habitual de nuestras calles y plazas. Su gran número está convirtiéndose en un problema por los daños que causa en edificios e instalaciones y muchos ciudadanos les han declarado una guerra implacable. Otros, por el contrario, abrigan hacia ellas una gran devoción y las tratan con mimo, gustando de atraerlas y alimentarlas. Un animal tan cercano y cotidiano en nuestras vidas bien merece un estudio serio que nos dé a conocer su naturaleza y sus costumbres y cuál ha sido su relación con el hombre a lo largo de la historia. Esto es lo que se hace en este libro.
El autor emprende primero una exposición de la historia biológica de este animal, su origen evolutivo, sus múltiples formas, sus estilos de vida, residencia y reproducción, su extensión por la tierra y su número, en fin todo lo que la etología ha descubierto acerca de las palomas, tema en que el autor cuenta como una autoridad mundialmente reconocida. Luego investiga su historia cultural, el papel jugado por este animal en la cultura, especialmente en el simbolismo de las religiones, primero en las religiones del Medio Oriente, donde hace ahora cinco mil años aparece como el ave sagrada de la diosa del amor. Sigue luego por la cultura y religión de Egipto, de Israel, de los griegos y romanos, del Cristianismo, de la India, de China y de las sociedades modernas. El relato de las diversas funciones simbólicas ejercidas por este ave, va acompañado de una batería imponente de ilustraciones, pinturas, dibujos, postales, esculturas, objetos de uso, amuletos, etc., procedentes de todas las épocas y regiones, lo que constituye una de las atracciones más cautivantes y valiosas del libro. La paloma se tomó para simbolizar dos de los valores más queridos al hombre, el amor y la paz, valores universales que dieron a la paloma una presencia también universal en el pensamiento simbólico humano. En el cristianismo simboliza, además, a unas de las personas de la Trinidad, al Espíritu Santo, lo que aun le dio más protagonismo en la literatura y arte religioso en los dos últimos milenios.
Haag-Wackernagel logra concluir un estudio sobre la paloma bajo los dos puntos de vista, el de las ciencias naturales y el de la cultura, ambos con gran rigor y extensión. El interés científico que despide el trabajo, las numerosas ilustraciones de todo tipo, figuras, reproducciones y fotos, la buena y generosa presentación tipográfica, hacen de esta obra una delicia tanto para ver como para leer.

Emilio Gárcía Estébanez

© Universität Basel Anatomisches Institut Research Group Integrative Biology Daniel Haag-Wackernagel