Daniel Haag-Wackernagel

Feral Pigeon Research

Strassentaubenforschung

 
 

Das Strassentaubenproblem

 

Zu grosse Taubenbestände können
verschiedene Probleme verursachen

 

Ursachen des Taubenproblems

 

Die Strassentaube ist im Verlauf des letzten Jahrhunderts zum Massentier geworden. Pro 10 bis 20 Städter kann ungefähr mit einer Strassentaube gerechnet werden. In Venedig sind es weit mehr. Auf 60'000 Bewohner kommen schätzungsweise 100'000 Strassentauben, die dort grosse Schäden an historischen Gebäuden verursachen (Mitteilung der Stadt Venedig 2001). Der Weltbestand dürfte mehrere hundert Millionen Individuen betragen. Taubenfreunde füttern sie auf der einen Seite liebevoll, auf der anderen Seite wird sie von Taubenfeinden bekämpft und gequält. Diese extrem widersprüchliche Beziehung zur Strassentaube lässt aufhorchen. Andere Tieren werden von den meisten Menschen eher einheitlich wahrgenommen. Ratten oder Schlangen finden nur wenig Sympathie, während Meisen und Robbenbabies einhellige Zuwendung erfahren. Wir können uns fragen, weshalb die Strassentaube die Menschen so zu polarisieren vermag. Ein Blick auf die Geschichte des Menschen mit der Taube lässt Vieles verständlicher erscheinen. Es gibt kaum ein anderes Tier, das in der geistigen Welt des Menschen eine ähnlich wichtige Rolle eingenommen hat, wie die Taube. Sie ist deshalb weit mehr als ein gewöhnlicher Vogel. In ihrer gemeinsamen Geschichte mit dem Menschen war sie Symbol und Verkörperung verschiedener göttlicher Wesen und menschlicher Tugenden. Bis in unsere heutige Zeit hinein ist sie Symbol der geistigen und erotischen Liebe und deren Göttinnen, Symbol der Reinheit und Unschuld, im Christentum Verkörperung des Heiligen Geistes, Verkörperung der Seele der Verstorbenen sowie Symbol des kirchlichen und politischen Friedens. Auf der anderen Seite steht die Taube als physisch existierendes Tier, dem wir täglich in unseren Städten begegnen. Viele Kommunen leiden unter den Problemen, die durch die grossen Strassentaubenbestände verursacht werden. Was dem Menschen schadet, wird gnadenlos verfolgt und nach Möglichkeit ausgerottet. So wurde die Taube zum göttlichen Wesen und Schädling zugleich – eine spannungsreiche Konstellation.

 

Die Herkunft unserer Strassentauben

 

Die Felsentaube ist der Vorfahre der Feldtauben und aller Haustaubenrassen. Felsentauben brüten heute noch in Sardinien in Grotten und Spalten und suchen ihre Nahrung im umliegenden Gebiet. Leider sind Felsentauben wegen der Vermischung mit Haustauben in ihrer ursprünglichen genetischen Identität stark gefährdet  und es kann bezweifelt werden, ob nach einer seit Jahrtausenden andauernden Taubenzucht überhaupt noch reine Felsentaubenbestände existieren.
Feldtauben sind nur wenig domestizierte Nutztauben, die in Lebensweise und Aussehen noch sehr nahe bei der Ursprungsform stehen. Seit der Römerzeit bis ins letzte Jahrhundert hinein war die  Feldtaubenhaltung ein wichtiger landwirtschaftlicher Erwerbszweig. Feldtauben waren sehr robust, anspruchslos und ernährten sich weitgehend selbständig im Landwirtschaftsland und wurden meist nur im Winter gefüttert. Die meisten unserer Haustaubenrassen wurden aus solchen Feldtauben gezüchtet. Haustauben unterliegen einer strengen Selektion auf bestimmte Merkmale wie z.B. im Zuchtstandard festgelegtes Aussehen bei Rassetauben oder die Heimkehrleistung bei Brieftauben. In früheren Zeiten wurden Haustauben noch oft mitten in der Stadt in Dachbodenschlägen gehalten. 
Seit der frühesten Domestikation der Felsentaube, die wahrscheinlich in die Zeit der Entdeckung des Ackerbaus vor 10'000 Jahren zurückgeht, haben sich Haustauben und Feldtauben aus der menschlichen Obhut befreit und sich in Städten angesiedelt.
Die ersten Hinweise auf Strassentauben stammen aus dem Alten Mesopotamien. In keilschriftlichen Dokumenten wird ein „Strassenkotvogel“ erwähnt, mit dem wahrscheinlich die Taube gemeint war. Die römischen Schriftsteller Plautus und Iuvenal berichten aus dem Alten Rom von Strassentauben, die an den Dächern von Wohnhäusern brüteten.

 

Die Postkarte aus dem Jahre 1900 zeigt die Fütterung von Strassentauben in Venedig, die sich damals schon grosser Beliebtheit erfreute. Die Tauben wurden zu dieser Zeit noch auf Kosten der Stadt unterhalten und waren geschützt. Heute versuchen die Stadtbehörden, mit Verboten und Apellen an die Bevölkerung die Taubenpopulation zu kontrollieren, die irreparable Schäden an historischen Gebäuden verursacht.

 

Tauben wurden auch aktiv in Städten angesiedelt. Noch im vorigen Jahrhundert wurden Tauben an der Nikolaikirche in Hamburg ausgesetzt. Die Strassentauben von Florenz sollen auf tausende Brieftauben zurückgehen, die anlässlich der Einweihung der Fassade des Doms im Jahre 1887 freigelassen wurden. Die Strassentauben in Venedig stammen von den Tauben ab, die jeweils anlässlich der Palmsonntagsprozession zu Ehren des Dogen freigelassen wurden. Zum Dank für eine wichtige von einer Brieftaube überbrachten Meldung, die den Venezianern zu einem militärischen Sieg verhalf, wurden die Strassentauben 1849 bis Anfang des 20. Jahrhunderts auf Kosten des Staates gefüttert.

 

Die Stadt als Lebensraum

 

Die ersten freilebenden Tauben haben unsere Städte wahrscheinlich vor allem als Brutfelsenersatz genutzt. Welche wichtige Bedeutung menschliche Bauten für das Vorkommen oder Nichtvorkommen von Tauben haben, konnte am Beispiel der ägyptischen Taubenturmwirtschaft gezeigt werden, die im hellenistischen ägypten von 332 vor Christus bis 640 nach Christus ihre Blütezeit erlebte. Das Nildelta ist völlig flach und bietet der Taube keine natürlichen Brutmöglichkeiten. In solchen Gebieten kommen auch keine Felsentauben vor. Der Mensch bietet den Tauben nun in Form der Taubentürme Ersatzfelsen an und ermöglicht so die Taubenhaltung in diesen an sich ungeeigneten Lebensräumen. Die Feldtauben sind derart eng an die Taubentürme als einzige artgemässe Brutmöglichkeiten gebunden, dass sie gar keine andere Wahl haben, als in diesen imposanten Bauwerken mit bis zu 52'000 Nistplätzen zu leben. Diese ägyptischen Feldtauben werden vom Menschen kaum selektiv beeinflusst. Genutzt werden der Taubenkot als wertvoller Felddünger und die Nestlinge als schmackhafter Braten. Noch heute kommen in ägypten jährlich etwa 9000 Tonnen Taubenkot auf den Markt, der bei den Früchten und dem Gemüse auch zu einer Verbesserung des Geschmacks führt. Dieses Beispiel mag zeigen, dass die Stadt eine unersetzliche Struktur für die Tauben darstellt. Zuerst diente die Stadt als Ersatzfelsenküste und die Landschaft als Nährraum. Erst in neuerer Zeit entstanden Nahrungsgründe in der Stadt selbst, sodass die umliegende Landschaft an Bedeutung verlor.

 

Auf dieser Basler Ansicht des Spalentors aus dem Jahre 1830 sind Tauben abgebildet. Entflohene Feldtauben aus der umliegenden Landschaft und Haustauben aus städtischen Dachbodenschlägen haben wahrscheinlich die ersten freilebenden Strassentaubenbestände gebildet, welche die Vorteile des Stadtlebens ausgenutzt haben.

 

Auf alten Stadtansichten sind oft Tauben abgebildet. Sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei um frei lebende Strassentauben. In den „Schweizerischen Blättern für Ornithologie“ wird erwähnt, dass 1886 am Stephansturm und an öffentlichen Gebäuden in Wien viele Turmfalken und Tauben brüteten. In Basel gab es am Ende des 19. Jahrhunderts Strassentauben, die sich von Abfällen an Marktplätzen und im damals noch offenen Flussbett des Birsig ernährten, in dem Schweine und allerlei Geflügel gehalten wurden. über die Lebensbedingungen und das Vorkommen der Strassentaubenbestände am Anfang des 20. Jh. gibt die Arbeit von Scherdlin aus dem Jahre 1913 wertvolle Informationen. In vielen grösseren europäischen und nordamerikanischen Städten gab es Strassentaubenpopulationen.
Neben einer zumeist begrenzten Nahrungsgrundlage bot die Stadt aber auch Schutz vor den Hauptfeinden der Taube, den grösseren Greifvögeln Habicht, Wanderfalke und Sperberweibchen. Durch die Verlegung der Nahrungsgründe in die Stadt konnten sich die frühen Strassentauben weitgehend dem natürlichen Regulationssystem durch Beutegreifer entziehen. An deren Stelle treten heute dichteabhängige Regulatoren wie Stress, Krankheiten und Parasiten. Strassentauben verfügen über eine ausgeprägte Anpassungsfähigkeit, dank der sie mit Verhaltensänderungen auf Probleme reagieren können. Tauben sind als Höhlenbrüter in der Lage, auch völlig artuntypische Brutplätze zu nutzen. So wurden schon im Jahre 1893 im St. James Park und 1897 im Hyde Park in London erste Baumbruten beobachtet. Im Basler Zoo konnte ebenfalls eine solche Brut beobachtet werden. Sie zeigte, dass mit solchen neuen Anpassungen auch neue Probleme auftreten: beide Jungtiere der Brut wurden von Eichhörnchen getötet. Tauben brüten in unseren Städten oft ohne irgendeine Deckung, z.B. an ungeschützten Fassaden, und sind deshalb streng genommen keine reinen Höhlenbrüter mehr.

 

Taubenfreunde – Taubenfeinde

 

In einer Stadt leben so viele Tauben, wie es deren Nahrungsgrundlage erlaubt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Lebensmittel im Verhältnis zum Einkommen billig, und religiöse Einschränkungen, wie z.B. das Gebot Brot nicht wegzuwerfen, fielen mit dem Schwinden der Bedeutung von Glaube und Kirche. Ein Teil des überflusses der heutigen Wohlstandsgesellschaft gelangt in Form von Taubenfutter und achtlos weggeworfenen Lebensmitteln auf die Strasse. Diese Nahrungsgrundlage erlaubte eine massive Zunahme der Strassentaubenpopulationen. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Strassentaubenbestände beinahe weltweit zu. Beispielsweise erfolgte in London am Bloomsbury Square zwischen 1951 und 1965 eine Verdreifachung des Bestandes. In München wurden pro Tag rund 1000 kg Getreide verfüttert, von dem ein Bestand von 35'000 Strassentauben leben kann.
Strassentauben haben sich vollständig an das Nahrungsangebot in der Stadt angepasst. Der grösste Teil der Nahrung stammt direkt oder indirekt vom Menschen. Der ehemalige Körnerfresser wurde zum Allesfresser. Eine hungrige Strassentaube frisst sogar Fisch, Fleisch, Schokolade, Käse, Salat, Essiggurken, geröstete Kastanien und Kuchen.

 

ältere Menschen sind oft einsam und suchen sich in den Tauben einen Ersatzpartner und jemanden, den sie betreuen und verwöhnen können. Von täglich 5 kg Körnerfutter können 170 Tauben überleben, die jährlich etwa zwei Tonnen Kot erzeugen.

 
Die Fütterung von Tieren, das Geben als freundlicher Akt, ist dem Menschen wahrscheinlich angeboren. Taubenfreunde füttern aus sehr unterschiedlichen Beweggründen. Der grösste Teil der Fütterer sind vereinsamte ältere Menschen, die keine Haustiere halten können und sich in den Tauben ein Ersatzobjekt erwählt haben. Daneben gibt es aber auch Leute, die füttern, um diese schönen Tiere aus der Nähe betrachten zu können. Die von den Taubenfütterern geschaffene Nahrungsgrundlage bildet die Basis für Entwicklung der grossen Taubenbestände in unseren Städten. Ohne die aktive Fütterung durch den Menschen könnten nur kleine Populationen überleben, weil die natürliche Nahrung nur beschränkt zur Verfügung steht und jahreszeitlichen Schwankungen unterliegt. In vielen Städten kämen ohne diese anthropogene Einflussnahme auf die Nahrungsgrundlage wahrscheinlich überhaupt keine Strassentauben vor.
Die Erkenntnis, dass vor allem die Taubenfütterer für das Taubenproblem verantwortlich sind, hat sich in der Zwischenzeit weitgehend durchgesetzt. In logischer Konsequenz wurden in vielen Städten in Europa und den USA Fütterungsverbote und Fütterungsrestriktionen, oft verbunden mit Fangaktionen, durchgeführt. Die Taubenfüttern fühlen sich direkt betroffen und wehren sich oft für ihre Tauben. Vor allem in deutschen Städten hat dies zu einer Art Krieg zwischen Behörden und den Taubenfütterern geführt. Einige Tierschutzorganisationen lehnen regulative Eingriffe in die Taubenpopulationen generell als unethisch ab und vertreten die Meinung, dass die Tauben, weil sie nun einmal da sind, auch gefüttert werden müssen. Dies führt aber dazu, dass die Bestände weiter ansteigen und sich die Probleme verschärfen. Taubenrechtler verlangen zum Beispiel eine „qualitative Grundversorgung der Tauben mit artgemässem Körnergemisch, um Mangelerkrankungen und eine daraus resultierende Durchseuchung auszuschliessen“. Aufklärungsaktionen, die eine Reduktion der Nahrungsgrundlage der Tauben erreichen wollen, werden von gewissen Tierschutzorganisationen als „ethnische Säuberungen“ und „Progromhetze“ verunglimpft.
Die Schuld an den hohen Strassentaubenbeständen wird nicht der Fütterung zugeschrieben, sondern den Brieftaubenzüchtern, deren verloren gegangene Brieftauben der Grund für die hohen Strassentaubenbestände sein sollen. Die Realität in den Städten sieht anders aus, zumal die Immigrationsrate von Brieftauben in unseren Strassenbeständen in Wirklichkeit vernächlässigbar ist. In Basel betreuen wir seit 1990 im Rahmen der Basler Taubenaktion acht Strassentaubenschläge. Bei einem durchschnittlichen Jahresbestand von total 338 Tauben tauchten in unseren Schlägen zwischen 1990 und 1995 nur 13 Brieftauben auf. Nur drei davon, zwei Täubinnen und ein Täuber, konnten sich etablieren und mit einem Strassentaubenpartner erfolgreich Junge aufziehen.
Den leidenschaftlichen Taubenfreunden ist oft kein Opfer zu gross, um sich für ihre Lieblinge einzusetzen. In der Münchner Innenstadt wurde einer engagierten Taubenfütterin, der „Taubenmarie“, für ihre selbstlose Betreuung der Tauben sogar ein Denkmal gesetzt. Immer wieder werden Taubenfütterer, meist ohne nachhaltige Wirkung, von Gerichten zu empfindlichen Geldstrafen wegen Verstoss gegen Fütterungsverbote verurteilt.
In krassem Gegensatz dazu stehen Taubenfeinde, die keine Gelegenheit auslassen, Strassentauben bewusst zu quälen und die Taubenfütterer im Extremfall sogar körperlich zu attackieren. In Basel fanden wir mehrmals Strassentauben, die vergiftet oder mit Luftgewehren angeschossen worden waren und so einen qualvollen Tod erlitten. Tauben werden von den Taubenfeinden oft als Schädlinge betrachtet, mit denen beliebig umgegangen werden kann. Das ist ein bedauerliches Phänomen, das gegenüber allen in Massen auftretenden Tieren und wohl auch gegenüber von Menschen auftritt.

 

Das Taubenproblem

 

Grosse Taubenbestände führen zu einer ganzen Reihe von Problemen. In Deutschland gab die Hälfte von 52 angefragten Städten an, Probleme mit Strassentauben zu haben. Dass Probleme mit freilebenden Tauben nicht neu sind, zeigt der Fall des Burggrafen von Nürnberg, der bereits 1139 ein Verbot gegen das überhandnehmen der Tauben erliess.
Die Lebensqualität einer Tierpopulation vermindert sich mit steigender Dichte. Diese allgemeine Regel gilt auch für unsere Strassentauben. Die durch die grosse künstliche Nahrungsgrundlage bedingte hohe Dichte, unter der Strassentauben in unseren Städten leiden, aktiviert und fördert dichteabhängige Regulationsmechanismen. Krankheiten und Parasiten befallen vor allem die Nestlinge und ausgeflogenen Jungtiere und führen zu grossen Verlusten. Im natürlichen Lebensraum der Felsentaube dürften diese Regulatoren nicht im selben Mass wirksam werden, weil die ausgeprägte Territorialität sowie andere natürliche Regulatoren wie Greifvögel die Population lange vor dem Einsetzen solcher dichteabhängigen Mechanismen auf einem niedrigen Niveau halten. Das Strassentaubenproblem ist deshalb vor allem ein Problem für die Tauben, die oft unter schlimmsten, tierschützerisch inakzeptablen „Slumbedingungen“ leben müssen. Schwer leidende, kranke Tauben, die mit aufgeplustertem Gefieder auf Strassen und Plätzen sitzen, sind leider ein häufiges Bild. Besonders prekär sind die Bedingungen an den verborgenen Brutplätzen, an denen die Nestlinge teilweise völlig von Taubenzecken und Milben übersät nur wenige Tage überleben.
Eine hohe Dichte führt zu sozialem Stress durch vermehrte territoriale Konflikte, die zu einer Zunahme aggressiver Verhaltensweisen führen. Durch die Verringerung der Territoriumsgrösse liegt oft ein Nest nah neben dem anderen. Jungtiere, die sich in benachbarte Territorien verirrt haben, werden oft zu Tode gehackt.

 

Unter einer hohen Siedlungsdichte an den Brutplätzen leiden vor allem Nestlinge und Jungtiere. Wenn sie sich in einen fremden Nestbereich verirren, werden sie vom Territoriumsbesitzer angegriffen und oft übel zugerichtet. Diese etwa vier Wochen alte Jungtaube wurde richtiggehend skalpiert.

 

Verschmutzung und Beschädigungen durch Taubenkot

 
Ein Strassentaube erzeugt rund 12 Kilogramm Kot pro Jahr, den sie bevorzugt an ihren Ruhe- und Brutplätzen abgibt.
 
In jeder grösseren Stadt leben heute mehr oder weniger grosse Taubenpopulationen, die zu verschiedenen Problemen führen. Eine Taube erzeugt pro Jahr rund 12 kg Kot, der bei grossen Beständen massive Verschmutzungen und Schäden an Gebäuden, Denkmälern, Plätzen und Strassen verursacht. Taubenkot führt zu geruchlichen und ästhetischen Beeinträchtigungen. Grössere Ansammlungen können zum Ausrutschen von Passanten führen. Eine direkte Schädigung von Stein und Beton durch Taubenkot entsteht durch den Abbau von organischen Säuren und Proteinen durch Bakterien zu salpetriger Säure und Salpetersäure, die mit Kalziumkarbonat zu Kalziumnitrat (Mauersalpeter) reagiert, und so kalkhaltiges Gestein zerstört. Taubenkot ist aber vor allem ein idealer Nährboden für eine ganze Reihe von Mikropilzen wie z.B. Aspergillus. Die Fadengeflechte dieser Schimmelpilze können in kalkhaltiges Gestein eindringen und dieses durch die Ausscheidung von Säuren auflösen. Im Winter kann Wasser in diesen kleinen Hohlräumen gefrieren und zu Frostsprengungen führen.
 

Krankheiten und Allergien

 

Im Kot und anderen Ausscheidungen der Tauben werden auch Krankheitserreger ausgeschieden, die dem Menschen gefährlich werden können. Bis heute wurden bei Strassentauben insgesamt 110 Krankheitserreger nachgewiesen, die auch auf den Menschen übertragen werden können. Sieben dieser Erreger führten  nachweislich zu Erkrankungsfällen beim Menschen, von denen einige tödlich verliefen. Die von Strassentauben verursachten Krankheiten sind die Salmonellose, Ornithose, Aspergillose, Candidose, Kryptokokkose, Histoplasmose und Toxoplasmose. Besonders betroffen sind Menschen mit einer verringerten Widerstandskraft, die man vor allem bei Kindern, Schwangeren, älteren Menschen und bei krankheitsbedingten Schwächungen des Immunsystems antrifft. Besonders problematisch ist die übertragung des Erregers der Ornithose, Chlamydophila psittaci, der zu schweren Infektionen der Atemwege führen kann. Wegen der Gefahr von Krankheitsübertragungen darf nur unter Anwendung von Schutzmassnahmen (Desinfektion Atemschutzmaske, Schutzkleidung, Handschuhe) mit Taubenkot gearbeitet werden.

 

Bei Strassentauben wurden bisher 110 Krankheitserreger nachgewiesen, die auch den Menschen befallen können. Sieben davon wurden auf den Menschen übertragen. Besonders erkrankte Tauben stellen ein Infektionsrisiko dar.

 
Parasitenbefall
 

An den Brutplätzen der Strassentaube leben verschiedene Parasiten, die bei Nahrungsmangel auswandern und den Menschen befallen können. Besonders die Taubenzecke (links) ist gefürchtet, weil sie bei entsprechend veranlagten Menschen eine schwere allergische Reaktion auslösen kann. Lästig aber harmlos ist die Rote Blutmilbe (rechts), die zu Tausenden in Wohnungen einwandern und den Menschen befallen kann.

 

Die Nester der Strassentauben sind Brutstätten einer Reihe von Parasiten, die auch dem Menschen gefährlich werden können. In den Nestern der Strassentaube wurden bisher 20 verschiedene Parasiten nachgewiesen, die auch den Menschen befallen können. Davon führten in der Vergangenheit sieben zum Befall des Menschen. Von Strassentauben auf den Menschen wurden die Bettwanzen, Taubenflöhe, Rote Blutmilben, Europäische Hühnermilben sowie drei Arten von Taubenzecken übertragen.

Besonders problematisch für den Menschen ist ein Befall mit Taubenzecken, der bei rund 20% der Bevölkerung zu teilweise schweren allergischen Reaktionen führen kann. Die Parasiten der Strassentauben wandern bei Nahrungsmangel aus ihren Brutstätten aus und können so in menschliche Wohnräume gelangen. Diese Situation trifft vor allem dann ein, wenn Tauben beispielsweise durch die Anbringungen von Taubenabwehrmassnahmen ihre Brutplätze nicht mehr erreichen können. In solchen Fällen muss vorgängig eine sorgfältige Untersuchung auf Parasiten vorgenommen und bei positivem Befund eine professionelle Schädlingsbekämpfung durchgeführt werden. Dadurch kann eine Einwanderung von Parasiten, die auch noch nach Jahren auftreten kann, verhindert werden.
 

Die Zukunft der Strassentaube

 
 

Auf der einen Seite werden die Strassentauben von Taubenfreunden liebevoll gefüttert und umsorgt, auf der anderen Seite werden sie von Taubenfeinden gehasst, verfolgt und gequält. So wird unser Symbol des Heiligen Geistes und des Friedens als Ratte der Lüfte und fliegender Unrat verunglimpft. Gewisse Menschen sind nicht in der Lage, das Taubenproblem als ökologische Folge menschlichen Fehlverhaltens zu verstehen, sondern sehen in den Tauben die Schuldigen. Wird zusätzlich das eigene Lebenselend in die Taubenproblematik hineinprojiziert, so kann dies zu tierschützerisch wie auch ethisch inakzeptablen Quälereien von Tauben führen. In Basel werden immer wieder vergiftete und angeschossene Tauben aufgefunden, die meist nach langem Todeskampf starben.

Eine erfolgreiche Strassentaube ist intelligent, zahm und vorsichtig zugleich, genügsam und weitgehend resistent gegen Krankheiten und Parasiten. Die Täuber müssen gute Kämpfer sein, um sich einen der seltenen Brutplätze erobern zu können und sie müssen sich im Kampf um das Futter durchsetzen können. Eine Taube muss ihrem Partner helfen, die gemeinsamen Jungen aufzuziehen. Fehlt ein Elternteil, geht das ganze Gelege zugrunde. Nach dem Ausfliegen werden die Jungen meist vom Vater weiter betreut. Er nimmt sie an seine Fressplätze mit und verbessert so ihre überlebenschancen. Wie jedes andere Lebewesen auch hat die Strassentaube vor allem ein Ziel: selber lange zu überleben und möglichst viel Nachwuchs zu erzeugen, der sich erfolgreich behaupten kann. So schafft sie für die Ausbreitung der eigenen Gene optimale Bedingungen. Je stärker eine Taubenpopulation z.B. durch Tötungsaktionen des Menschen unter Druck kommt, desto schneller wird sich die Population an diesen Selektionsfaktor anpassen. Wir können erwarten, dass sich die Strassentaube in Zukunft immer noch vermehrt an das Leben in der Stadt anpassen kann. So wird uns die Strassentaube hoffentlich auch in Zukunft als liebenswürdige Mitbewohnerin unserer Städte erhalten bleiben.

 

Publikationen zum Strassentaubenproblem

 

Haag, D. (1984) Ein Beitrag zur ökologie der Stadttaube. Dissertation, Phil.Nat. Fakultät der Universität Basel, Verlag Medizinische Biologie, 260 S.

Haag-Wackernagel, D. (1993) Street Pigeons in Basel. Nature, 361: 200.

Haag-Wackernagel, D. (1997) Die soziokulturellen Ursachen des Taubenproblems. Deutsche Tierärztliche Wochenschrift 2: 52–57.

Haag-Wackernagel, D. (2003) Die Strassentaube: Geschichte – Probleme – Lösungen. Der Ornithologische Beobachter 100: 33–57.

Haag-Wackernagel, D. & Moch, H. (2004) Health Hazards Posed by Feral Pigeons. Journal of Infection, 48/4: 307–313.

Haag-Wackernagel, D. & Spiewak, R. (2004) Human Infestation by Pigeon Fleas (Ceratophyllus columbae) from Feral Pigeons. Annals of Agricultural and Environmental Medicine 11: 1–4.

Haag-Wackernagel, D. (2006). Human diseases caused by feral pigeons. Advances in Vertebrate Pest Management, Vol IV: 31–58.

Haag-Wackernagel, D. (2006) Gesundheitsgefährdungen durch die Strassentaube Columba livia. Krankheiten. Amtstierärztlicher Dienst und Lebensmittelkontrolle 4: 262–272.
 
© Universität Basel Anatomisches Institut Research Group Integrative Biology Daniel Haag-Wackernagel