Daniel Haag-Wackernagel

Basler Taubenaktion

Pigeon Action of Basel

 

Basler Taubenaktion

 

Die Nahrungsgrundlage bestimmt die Grösse einer Taubenpopulation. Eine langfristige Senkung eines Taubenbestandes kann durch eine Erniedrigung der Nahrungsgrundlage erreicht werden.

 

Im natürlichen Lebensraum der Felsentaube, der wildlebenden Vorfahrenform der Strassentaube, verhindern verschiedene Mechanismen eine übernutzung ihres Lebensraumes durch eine zu hohe Bevölkerungsdichte. Beutegreifer wie z.B. Falken und Habichte sowie das Nahrungsangebot und seine Verknappung im Winter halten die Population auf einem den natürlichen Ressourcen entsprechenden tiefen Niveau. In der Stadt fehlen solche natürlichen Regulationsmechanismen weitgehend.

 

Die Felsentaube ist die Vorfahrenform aller Haustaubenrassen und der daraus verwilderten Strassentauben. In ihrem natürlichen Lebensraum, der Felsenküsten der Meere, unterliegen Felsentauben einer harten Selektion durch Greifvögel und einer drastischen Nahrungsverknappung im Winter. Die Dichte an Felsentauben ist dank dem Fehlen von Feinden und einem reichen ganzjährigen Nahrungsangebot durch die Fütterung um ein Vielfaches geringer als die von Strassentauben, die kaum Feinde und ein reiches, ganzjährigen Nahrungsangebot haben. Felsentauben ziehen normalerweise pro Jahr zwei Bruten auf, während Strassentauben unter guten Bedingungen durchschnittlich fünf Bruten aufziehen können.

 

Dank der reichen ganzjährigen Nahrungsgrundlage und dem Fehlen von Feinden konnten sich in den meisten mitteleuropäischen Städten grosse Taubenpopulationen entwickeln. Bei Strassentauben sind geeignete Brutplätze selten. Anstelle von Nischen und Simsen in Felshöhlen werden in der Stadt künstliche äquivalente der natürlichen Standorte wie z.B. halbdunkle Dachböden bevorzugt. In den letzten Jahrzehnten stieg die Taubenpopulation dank der guten Ernährungssituation an, während geeignete Neststandorte gleichzeitig abnahmen. Viele ältere, reich strukturierte Gebäude mussten modernen Bauten weichen, die mit ihren glatten Fassaden keine Nistplätze für Stadtvögel bieten. Mit dem Anstieg der Taubenpopulationen wuchs auch der Bedarf an artgerechten Brutplätzen, so dass eine höhere Dichte an Strassentauben in solchen Schlägen zu starken Verschmutzungen durch Kot und verwesende Kadaver führt. Die Dichte der Tauben begünstigt das Auftreten verschiedener Parasiten und Krankheiten, die auch auf den Menschen übergehen können. Diese unangenehmen Begleiterscheinungen erzeugten wiederum den Widerstand von Hausbesitzern, die als Abwehrmassnahme Zugänge zu möglichen Brutplätzen verschlossen. Viele Paare sind gezwungen, auch art-untypische Brutplätze anzunehmen. Obwohl Tauben Höhlenbrüter sind und ruhig gelegene Brutplätze benötigen, werden Nester an völlig ungeschützten, lauten Standorten gebaut werden. Anstelle geselligen Brütens in Kolonien treten viele einzeln brütende Paare auf, die z.B. hinter einseitig geschlossenen Fensterläden oder auf Klimaanlagen brüten.

 

Die Lebensqualität einer Tierpopulation vermindert sich mit steigender Dichte. Diese allgemeine Regel gilt auch für unsere Strassentauben. Die durch die grosse künstliche Nahrungsgrundlage bedingte hohe Dichte, unter der Strassentauben in unseren Städten leiden, aktiviert und fördert dichteabhängige Regulationsmechanismen. Krankheiten und Parasiten befallen vor allem die Nestlinge und ausgeflogenen Jungtiere und führen zu grossen Verlusten. Im natürlichen Lebensraum der Felsentaube dürften diese Regulatoren nicht im selben Mass wirksam werden, weil die ausgeprägte Territorialität sowie andere natürliche Regulatoren wie Greifvögel und Nahrungsverknappung im Winter die Population lange vor dem Einsetzen solcher dichteabhängigen Mechanismen auf einem niedrigen Niveau halten. Das Strassentaubenproblem ist deshalb vor allem ein Problem für die Tauben, die oft unter schlimmsten, tierschützerisch inakzeptablen „Slumbedingungen“ leben. Schwer leidende, kranke Tauben, die mit aufgeplustertem Gefieder auf Strassen und Plätzen sitzen, sind in vielen Städten ein gewohntes Bild. Besonders prekär sind die Bedingungen an den verborgenen Brutplätzen, an denen die Nestlinge teilweise völlig von Taubenzecken und Milben übersät nur wenige Tage überleben. Eine hohe Dichte führt zu sozialem Stress durch vermehrte territoriale Konflikte, die zu einer Zunahme aggressiver Verhaltensweisen führen. Durch die Verringerung der Territoriumsgrösse liegt oft ein Nest nah neben dem anderen. Jungtiere, die sich in benachbarte Territorien verirrt haben, werden oft zu Tode gehackt.

 

Strassentauben werden vor allem durch die Verschmutzung von Gebäuden und Denkmälern als Plage wahrgenommen. In vielen Städten haben die Stadtbehörden zumeist auf Druck der Hausbesitzer Massnahmen gegen das Taubenproblem ergriffen. Ohne die ökologischen Zusammenhänge abzuklären wird meistens versucht, möglichst viele Tauben zu töten oder die Geburtenrate durch die „Taubenpille“ zu senken. Keine dieser Massnahmen konnten bisher eine dauerhafte Reduktion der Bestände bewirken. In Basel wurden zwischen 1961 und 1985 total 100’014 Strassentauben durch Abschuss und Fallenfänge getötet. Das Ziel war es, die zu hohe Taubenpopulation zu reduzieren. Wie auch in anderen Städten beobachtet werden konnte, bewirkten diese Mässentötungen keine längerfristige Senkung der Populationsgrösse. Da Tauben unter guten Bedingungen durchschnittlich 10 Jungtiere pro Jahr erzeugen, können Lücken durch Bekämpfungsaktionen innerhalb kürzester Zeit durch die nachrückenden Jungtiere geschlossen werden. Die Tötung von Tauben erhöht deshalb nur die überlebenswahrscheinlichkeit der Jungtiere und führt damit zu einer Verjüngung der Bestände.

 

Alle bisherigen Erfahrungen zeigen, dass eine zu grosse Taubenpopulation nur durch eine Beschränkung des Nahrungsangebots verringert werden kann. Im Jahre 1988 wurde unter der Leitung des Tierschutz Beider Basel in Zusammenarbeit mit der Universität Basel, dem Gesundheitsdepartement und Baudepartement des Kantons Basel-Stadt die Basler Taubenaktion ins Leben gerufen. Ziel der Basler Taubenaktion war eine nachhaltige und humane Senkung des Taubenbestandes.
ökologisch gesehen ist die durch die Fütterung des Menschen erzeugte Nahrungsgrundlage die Ursache für die überpopulation der Strassentauben und der damit zusammen hängenden schlechten Lebensqualität, unter der viele Tauben zu leiden haben. Der Hauptadressat der Basler Taubenaktion ist deshalb die Bevölkerung, im speziellen die Taubenfütterer. Das Füttern eines Tiers ist im Allgemeinen positiv besetzt. Es gilt als karitativer Akt, die hungernde Kreatur mit Nahrung zu versorgen. Deshalb ist es für viele Menschen nur sehr schwer verständlich, wieso die gut gemeinte Fütterung den Tauben schaden soll.

 
 

Plakat der Basler Taubenaktion aus dem Jahre 1988. Ziel der Aktion war es, der Bevölkerung zu erklären, dass die Fütterung den Tauben Probleme verursacht. Die Basler Taubenaktion wurde gemeinsam vom Tierschutz beider Basel, der Stadtbehörden und der Universität durchgeführt.

 
 

In Broschüren, Plakaten, Zeitungsartikeln sowie Fernseh- und Radiosendungen wurde der Bevölkerung klar gemacht, welche negativen Konsequenzen die an sich gut gemeinte Fütterung für die Strassentauben hat. In deutlichen Bildern wurden die Folgen der fütterungsbedingten schlechten Lebensbedingungen der Tauben aufgezeigt. Mit dieser Medienarbeit wurde versucht, der Bevölkerung nahe zu bringen, dass die unkontrollierte Fütterung über eine grosse Nahrungsgrundlage zu einer Erhöhung der Taubenpopulation führt. Die resultierende übervölkerung führt zu einer «Slumsituation», die durch Dichtestress und die Ausbreitung von Krankheiten und Parasiten zu einer schlechten Lebensqualität der Tauben führt und dadurch indirekt auch eine hygienische Gefährdung für den Menschen und seine Haustiere darstellt. Aus diesen Gründen wurden die Taubenfreunde aufgefordert, das Füttern im Interesse der Strassentauben einzustellen oder zumindest stark einzuschränken.
Damit wegen der verringerten Nahrungsmenge keine Tauben verhungerten, wurden von den Beamten des Basler Jagdinspektorates in einer Kastenfalle so viele Strassentauben als möglich eingefangen. Durch diesen leichten «Feinddruck» kann die Taubenpopulation schneller der verringerten Nahrungsgrundlage angepasst werden. Diese jährlichen Fänge betrugen weniger als 20 % der Population und dürften für sich alleine keinen regulativen Einfluss auf die Populationsgrösse ausgeübt haben. Heute werden in Basel keine Tauben mehr eingefangen, da sich die Populationsgrösse auf einem tiefen Niveau von etwa 8'000 Tieren stabilisiert hat.

 
  Flyer der zweiten Informationskampagne der Basler Taubenaktion aus dem Jahr 1990: Mit eindrücklichen Bildern wurde versucht der Bevölkerung klar zu machen, dass die übertriebene Fütterung zu einer Überbevölkerung bei den Tauben führt. Unter hoher Dichte leiden die Tauben unter Slumbedingungen wie Stress, Krankheiten und Parasiten. Mit dieser Aufklärungsaktion wurde versucht, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Fütterung den Tauben schlussendlich schadet.  
 

Die Basler Taubenaktion unterhält seit über 20 Jahren öffentliche Strassentaubenschläge

 
Strassentaubenschlag der Matthäuskirche in Basel. Tauben benötigen Sitzstangen als Schlafplätze und Nistboxen, in denen sie ungestört ihre Jungen aufziehen können. In den Schlägen der Basler Taubenaktion wird nicht gefüttert, um die Populationsgrösse nicht zu erhöhen. Hingegen werden Mineralstoffe und Vitamine zur Verbesserung des Gesundheitszustandes angeboten. Einmal auf ihren Brutplatz geprägte Paare verlassen den Schlag nicht mehr und bleiben ihm normalerweise ein Taubenleben lang treu.
 

Die von der öffentlichen Hand finanzierten Taubenschläge der Basler Taubenaktion sollen vor allem zeigen, dass es nicht die Absicht ist, die Strassentauben auszurotten, sondern einen kleinen und gesunden Bestand anzustreben.
Zwischen 1989 und 1991 wurden sieben Strassentaubenschläge in die Dachböden öffentlicher Gebäude eingebaut. Zwei Taubenschläge waren bereits Jahrzehnte vorher in Kirchen errichtet worden und standen der Basler Taubenaktion ebenfalls zur Verfügung.

 

Vorraum des städtischen Taubenschlags Kaserne: Strassentaubenschläge müssen regelmässig gereinigt und auf Krankheiten und Parasiten kontrolliert werden.

 

Diese kontrollierten Schläge werden regelmässig durch den Taubenwart und weitere Schlagbetreuer gereinigt und wie es auch für Haustauben üblich ist optimal betreut. Unser Taubenwart Walter Stettler ist hauptberuflicher Tierpfleger und Taubenzüchter und somit bestens für diese anspruchsvolle Aufgabe qualifiziert. Die anderen Schlagbetreuer sind diplomierte Biologen die auch wissenschaftlich mit Tauben arbeiten.
Die Strassentaubenschläge der Basler Taubenaktion erfüllen mehrere Funktionen:
1. Tauben geben ihren Kot bevorzugt an ihrem Brutplatz ab. Pro Jahr werden durchschnittlich 1'200 kg Taubenkot aus den Schlägen entfernt, die nicht an anderen Orten zu Verschmutzungen führen
2. Pro Jahr werden durchschnittlich 2'000 Eier aus den Nestern entnommen. Da beinahe alle Eier befruchtet sind, schlüpfen jährlich entsprechend weniger Nestlinge.
3. In den Schlägen können kranke und verletzte Tauben heraus gefangen werden. Besonders problematisch für die Tauben sind Fäden, die sich an den Füssen verfangen und zu schweren Verkrüppelungen führen können. In den Schlägen können die betroffenen Tauben eingefangen und die Fäden entfernt werden.
4. Durch eine vorbildliche Tierhaltung wird demonstriert, dass es nicht genügt, den Tauben einfach nur Futter hinzuwerfen und den Rest der Allgemeinheit zu überlassen. Eine Taubenhaltung sollte auch die Beherbergung und die veterinärmedizinische Versorgung der Tiere beinhalten.

 

Bei den Tauben erzeugen Männchen wie Weibchen die Kropfmilch, mit der die Jungen in den ersten Lebenstagen gefüttert werden. Dieser Täuber hat eben seine beiden Nestlinge mit Kropfmilch gefüttert, von der noch ein Rest an seinem Schnabel haftet.

 
Die schwierigste Phase im Aufbau eines städtischen Taubenschlages ist die Angewöhnung von Strassentauben an ihr neues Zuhause. Es zeigte sich, dass es nicht genügt, einen Taubenschlag zu bauen, zu öffnen und zu hoffen, dass sich Strassentauben darin ansiedeln. Tauben prägen sich fest auf ihren Partner und an ihren Brutplatz. Diese biologischen Eigenschaften der Tauben erklären auch, weshalb Brieftauben hunderte und tausende von Kilometern zurücklegen, um wieder zu ihrem Partner und Brutplatz zu gelangen. Tauben halten hartnäckig an ihren gewohnten Brutplätzen fest und lassen sich als erwachsene Tiere nicht mehr umgewöhnen. Dies ist auch aus der Taubenzucht bekannt. Zugekaufte Tauben aller Rassen fliegen zu ihrem Züchter zurück, wenn sie fliehen können. Zudem sind sich frei lebende Strassentauben nicht an die Gegenwart des Menschen gewöhnt und meiden deshalb auch seine Gegenwart im Taubenschlag. Um dieses Problem zu lösen, wurden junge, frisch ausgeflogene Strassentauben im Alter von etwa einem Monat in die Schläge gebracht, diese verschlossen und die Tiere täglich mit Nahrung und Wasser versorgt. Nachdem sich die Tauben mit etwa 6 Monaten verpaart und zum ersten Mal gebrütet haben, kann der Schlag geöffnet werden, da die Tauben nun den Schlag nicht mehr verlassen werden.
 

Die Strassentauben in den Schlägen der Basler Taubenaktion werden nicht gefüttert

 
In einem weiteren Schritt wird nun den Tauben schrittweise die Nahrung und das Wasser entzogen. Damit werden die Tiere gezwungen, sich ihre Nahrung selbst zu suchen und sich verschiedenen Fressschwärmen anzuschliessen. Dies gelang bisher meist ohne grössere Probleme. Den Tauben werden zur Verbesserung ihres Gesundheitszustandes Vitamine und Mineralstoffe in Form von Picksteinen angeboten.
Die Tauben der Basler Taubenaktion werden nach ihrer Eingewöhnung nicht gefüttert, weil die Tiere in diesem Fall keine Anstrengung unternehmen, ein naturgemässes Leben zu führen, zu der auch die Futtersuche gehört. Der wichtigste Punkt aber ist, dass eine zusätzliche Fütterung in den Schlägen den Taubenbestand entsprechend erhöht und die Probleme mit den Tauben verschärft. Das erklärte Ziel der Basler Taubenaktion war die Reduktion des damals viel zu hohen Taubenbestandes, und nicht wie oft missverstanden, die Haltung der Strassentauben in den Schlägen zu Regulationszwecken. Haben sich unsere Tauben einmal an ihren Brutplatz gewöhnt, bleiben sie meist ihr ganzes Leben lang. Unsere ältesten Strassentauben leben seit über 11 Jahren im gleichen Schlag.
 
Eine Regulation des Gesamtbestandes ist über die Entnahme von Eiern aus Taubenschlägen ist nicht möglich
 

Taubenpopulationen lassen sich nicht durch die Entfernung von Eiern in ihrer Grösse regulieren. Gemäss unseren Untersuchungen erzeugt ein erfolgreiches Taubenpaar pro Jahr durchschnittlich 10 flügge Jungtiere. Die jährliche Todesrate für erwachsene Strassentauben liegt unter guten Lebensbedingungen bei etwa 10%. Dies bedeutet nun, dass bereits ein aktives Brutpaar die natürlichen Verluste von 100 Tauben kompensieren kann. Deshalb müssten beinahe allen Brutpaaren einer Stadt die Eier weggenommen werden, wenn die Taubenpopulation mit dieser Methode reduziert werden sollte. Dies ist aber aus praktischen Gründen nicht möglich, da nicht alle Nester einer Stadt zugänglich sind und kontrolliert werden können. Tauben prägen sich, wie oben dargestellt, fest auf ihren Brutplatz und wechseln diesen auch nicht, wenn ihnen in öffentlichen Taubenschlägen bessere Lebensbedingungen angeboten werden.
Das gleiche Prinzip gilt für die Anwendung der Taubenpille und andere über die Geburtenrate wirkende Regulationsmassnahmen. Wenn nicht alle Tiere einer Taubenpopulation behandelt werden können, genügen wenige unbehandelte Paare, um die Verluste zu kompensieren.

 

Ohne Erfolgskontrolle kein Wirksamkeitsnachweis

 

Um die Wirksamkeit einer Massnahme nachzuweisen, ist eine sorgfältig geplante Erfolgskontrolle notwendig. Für die Erfolgkontrolle der Basler Taubenaktion wurden folgende Faktoren erhoben.
1. Veränderung der Populationsgrösse
2. Entwicklung der Schäden
3. Soziokulturelle Faktoren

 
 

Basler Taubenaktion: Rückgang der Kontrollschwärme um mehr als 50% innerhalb von vier Jahren

 
 

Regelmässige Zählungen erlaubten es, die Veränderungen der Populationsgrösse zu verfolgen. Innerhalb von 50 Monaten sank die durchschnittliche Grösse von 13 wöchentlich ausgezählten Kontrollschwärmen von 1‘400 auf 708 Individuen. Dieser Rückgang erlaubt es, auf die Gesamtpopulation zu schliessen. Die Anfangspopulation von rund 20'000 Tauben dürfte somit innerhalb von rund vier Jahren auf 10'000 Tiere zurückgegangen sein.
Entsprechend der geringeren Populationsgrösse gingen auch die Schäden durch Strassentauben zurück. Die Stadtgärtnerei Basel konnte in öffentlichen Grünanlagen einen Rückgang der Schäden um etwa 50% feststellen. Ein Unternehmen das Taubenabwehrsysteme anbietet erlitt einen massiven Umsatzverlust, da die Taubenschäden an Gebäuden in Basel massiv abgenommen hatten. 1988 verzeichnete die Firma noch einen Umsatz von SFR 188'000, der im Jahr 1992 auf SFR 68'000 gesunken war. Mittels einer soziokulturellen Erfolgskontrolle versuchten wir, die Veränderungen in der Werthaltung der Bevölkerung gegenüber dem Taubenfüttern zu erfassen. Die Auswertung von Presseberichten, Leserbriefen in Zeitungen sowie Anrufen und Briefen an den Tierschutz beider Basel belegte, dass unsere Botschaft, dass das Füttern den Tauben schadet, von weiten Teilen der Bevölkerung verstanden wurde. Der Mechanismus unserer Aufklärung wirkte teilweise direkt auf die Taubenfütterer, die in der Folge weniger oder gar nicht mehr fütterten. In mehreren Fällen wurden sie von anderen Personen psychisch unter Druck gesetzt, so dass sie es nicht mehr wagten, in der öffentlichkeit zu füttern.
Die Basler Taubenaktion wurde von Radio, Fernsehen und Presse im In- und Ausland sehr gut aufgenommen. In der Zwischenzeit haben sich viele Städte im In- und Ausland über die Basler Taubenaktion informiert und das Prinzip der Aufklärung verbunden mit einer Reduktion der Nahrungsgrundlage übernommen. Auch heute noch beantworten wir regelmässig Anfragen und beraten Stadtbehörden zum Taubenproblem.

 

Mechanismen des Rückgangs der Populationsgrösse der Basler Strassentaubenpopulation

 

Heute wissen die meisten Einwohner von Basel, dass die unkontrollierte Fütterung den Tauben schadet. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass eine Population von wildlebenden Tieren nur nach einer sorgfältigen Analyse der ökologischen Zusammenhänge beeinflusst werden kann. Tötungsaktionen ohne den Versuch, die Nahrungsgrundlage zu senken, haben dank der enormen Nachwuchsrate der Strassentauben keinen Einfluss auf die Populationsgrösse und stellen eine reine Symptombekämpfung dar, die ins Leere geht.
Bis heute ist der Strassentaubenbestand nicht mehr angewachsen. Es bestehen zwar noch einige Problemzonen in der Innenstadt, die auf die Fütterung durch wenige Personen zurückgeht. Heute werden in Basel keine Tauben mehr eingefangen, da sich der Bestand auf einem tiefen Niveau von etwa 8'000 Tieren dauerhaft stabilisiert hat.

Nach dem Vorbild der Basler Taubenaktion wurde im Jahre 2001 vom Luzerner Stadtrat das Projekt „Stadttauben Luzern“ ins Leben gerufen. Mittels regelmässiger Zählungen konnte nachgewiesen werden, dass sich der Bestand der Luzerner Strassentauben innerhalb von fünf Jahren von anfänglich 7'000 auf 2’000–3'000 Tiere reduzierte. Eine veterinärmedizinische Untersuchung konnte gleichzeitig zeigen, dass sich der Gesundheitszustand der Luzerner Strassentauben parallel zur Bestandesreduktion verbesserte.

Informationen zum Projekt Stadttauben Luzern

 

Literatur zur Basler Taubenaktion

Haag, D. (1985) Die Stadttauben – ein Tierschutzproblem. Schweizer Tierschutz, Du und die Natur 1, 112: 1–23.
Haag-Wackernagel, D. (1993) Street Pigeons in Basel. Nature, 361: 200.
Haag-Wackernagel, D. (1994) Die Strassentaube: Die Geschichte einer Mensch-Tier-Beziehung. Schweizer Tierschutz: Du und die Natur 3: 4–29.
Haag-Wackernagel, D. (1995) Regulation of the street pigeon in Basel. Wildlife Society Bulletin 23(2): 256-260.
Haag-Wackernagel, D. (1998) Die Taube. Vom heiligen Vogel der Liebesgöttin zur Strassentaube. Verlag Schwabe & Co. AG, Basel, 245 S. link 3.3.1
Stettler, W. 2001. 11 Jahre Taubenschläge des Tierschutzvereins Beider Basel. Geflügel-Börse 2/2001: 10–12.

 

 

 
© Universität Basel Anatomisches Institut Research Group Integrative Biology Daniel Haag-Wackernagel