Daniel Haag-Wackernagel
Behaviour and Evolution
Verhalten und Evolution

 

 

Zur Ethologie der Tauben (Columba livia)
On the Ethology of the Pigeon

 
 

Zur Phenotype dependent selection of juvenile urban Feral Pigeons, Columba livia

 
   

Zur Spatio-temporal use of the urban habitat by feral pigeons (Columba livia)

 
   
 

Ethologie der Tauben (Columba livia)
On the Ethology of the Pigeon

 

EINLEITUNG

Die Haustaube wie auch deren verwilderte Form, die Strassentaube, stammem von der Felsentaube Columba livia ab, die heute noch die Felsküsten des Mittelmeerraumes besiedelt. Schon vor 6'000 Jahren wurde die Felsentaube im Alten Ägypten domestiziert. Wahrscheinlich wurde sie zuerst wegen ihres schmackhaften Fleisches gehalten. Später erfuhr sie eine vielfältige kulturelle Bedeutung. In allen Hochkulturen wurde die weisse Taube verehrt. Schon seit der Antike ist sie Symbol der Reinheit und der Friedfertigkeit, weil man damals fälschlicherweise glaubte, Tauben würden keinen Gallensaft produzieren. Für die Beliebtheit der Taube dürften auch einige äuffällige Verhaltensweisen eine wichtige Rolle gespielt haben. Schon im 4. Jhdt. vor Christus stellte Aristoteles in seiner Tierkunde fest, dass die Täubinnen und die Täuber liebevoll zusammenhalten und vor der Begattung zärtlich schnäbeln. Im alten Testament brachte die Taube durch den Ölzweig Noah die Nachricht vom Ende der Sintfluht. In der christlichen Religion ist die weisse Taube die Übermittlerin des göttlichen Willens in Form des heiligen Geistes, der sich kulturgeschichtlich auf die Fruchtbarkeitsgöttin Innana der Sumerer zurückführen lässt.
Tauben führen ein sehr zärtliches Liebesleben, bei dem das Schnäbeln als paarbindende Verhaltensweise und Kopulationseinleitung eines wichtige Rolle spielt. Beim Schnäbeln bettelt meist das Weibchen beim Männchen um Futter in dem es seinen Schnabel antippt. Es führt dann seinen Schnabel in den des Täubers und seine Täubin symbolisch wie einen Nestling füttert. Dieses Schnäbeln ähnelt in Ursprung und Bedeutung dem Küssen des Menschen. Diese Vorgeschichte lässt verstehen, dass die schnäbelnde weisse Taube zum Symbol für die körperliche Vereinigung wurde. Auch in unserer Zeit gilt die Taube als Symbol des Friedens und der Liebe. Deshalb verwundert es nicht, dass sie immer hoch in der Gunst vieler Menschen steht. Ihr gutes Image macht sie oft zum Objekt blinder Zuneigung, die sich in der Taubenfütterung manifestiert. Kaum ein Tier wurde zudem in so ausgeprägtem Mass das Objekt menschlicher Projektionen und Fehlinterpretationen wie die Taube (Abbildung 1). Dies führt unter anderem auch dazu, dass eine emotionsfreie Diskussion des "Taubenproblems" in vielen Städten kaum mehr möglich scheint. Heute ist die Strassentaube mit einem geschätzten Weltbestand von über 500 Millionen Individuen die häufigste und erfolgreichsten Bewohnerin unserer Grosstädte.
In vorliegender Arbeit wird versucht, aufgrund der Häufigkeiten der wichtigsten sexuellen und aggressiven Interaktionen eine ethometrische Klassifizierung des sozialen Interaktionssystems der Strassentaube vorzunehmen. Diese soll als Instrument der Charakterisierung und Wertung der Taube und deren Lebensbedingungen im urbanen Ökosystem dienen. Die Quantifizierung der ausgewählten Verhaltensweisen ermöglicht zudem eine Abschätzung der Lebenshäufigkeiten (Schätzung, wie häufig eine Strassentaube eine bestimmte Verhaltensweise während ihres Lebens durchschnittlich zeigt). Damit lässt sich auch demonstrieren, mit welchen Erfordernissen des Lebensraumes Stadt eine Strassentaube konfrontiert ist. Aufgrund von verhaltensökologischen Analysen soll im Weiteren untersucht werden, weshalb bei Haustauben und Strassentauben unter den anthropogenen Lebensbedingungen vermehrt Erscheinungen wie das Hacken von Jungtauben und hohe Werte an zerstörten Eiern und verletzten Nestlingen auftretreten.

METHODEN

Die untersuchten Strassentauben leben in einem Schlag, der über dem Schiff der Matthäuskirche in Basel liegt. Die Tiere leben dort in völliger Freiheit und können jederzeit ein- und ausfliegen. Der Schlag, in dem etwa 50 adulte Strassentauben lebten, weist eine Bodenfläche von 27.5 m2 auf. Zusätzlich stehen 36 Nistboxen mit einer Gesamtfläche von 5.8 m2 zur Verfügung. Um repräsentative, vom Beobachter unbeeinflusste Resultate zu erhalten, wurde das Verhalten der Tauben mit einer im Schlag installierten VHS-Videokamera mit programmierbarem Recorder aufgenommen. Die Videoaufnahmen wurden an zwei Tagen pro Monat von 06.30 bis 16.30 Uhr in 18 Intervallen zu je 15 Minuten durchgeführt. Von Dezember 1989 bis Januar 1991 wurden an 27 Aufnahmetagen insgesamt 120 Stunden Videoband aufgenommen. In einer Vorstudie wurden die für die Taube vom Energieaufwand und ihrer Bedeutung her wichtigsten sozialen Verhaltensweisen bestimmt. So verwendet eine Taube beispielsweise sehr viel Zeit für ihr Komfortverhalten (Gefiederputzen). Dieses ist aber nicht von wesentlicher sozialer Bedeutung und wurde deshalb nicht in die Auswertung miteinbezogen.
Folgende Verhaltensweisen und Verhaltenssequenzen erfüllen die gestellten Bedingungen: Prahlen (Aggressives Beugegurren), Vertreiben, Kämpfe, Balzen (Sexuelles Beugegurren), Schnäbeln, Paarungsaufforderungen (Hocken), Kopulationen die von anderen Tieren attackiert werden (Geschlechtsneid), Kopulationen die durch Attacken verhindert wurden, erfolgreiche Kopulationen. Eine Zusammenstellung der von der Taube gezeigten Verhaltensweisen und deren Bedeutung findet sich im Ethogramm der Taube (1).
Zusätzliche Erhebungen wurden in einer Schlachttaubenfarm in der Toscana (Azienda Agraria Meleta, Roccatederighi) durchgeführt. Auf diesem Betrieb werden rund 15'000 Fleischtauben der Rassen White Hubbel, Colored Hubbel, White King und Silver King gehalten.

RESULTATE

Lebenshäufigkeiten
Die ermittelten Häufigkeiten der beobachteten Verhaltensweisen erlauben es, deren Lebenshäufigkeiten zu errechnen. Damit ist gemeint, wie häufig eine Strassentaube die entsprechende Verhaltensweise während eines durchschnittlich langen Taubenlebens zeigt. Für die Berechnung ergeben sich folgende überlegungen:
a) Ermittlung des Multiplikationsfaktors für die Lebenshäufigkeiten: Eine Strassentaube erreicht ein durchschnittliches Alter von 2.4 Jahren (2). In Basel ist es im Jahresdurchschnitt pro Tag 11h lang hell. Eine Strassentaube hält sich etwa die Hälfte ihrer Zeit am Brutplatz auf.
b) Für die Anzahl Lebensstunden ergibt sich: Zeit, in der eine Strassentauben aktiv ist = 2.4 Jahre Lebenserwartung mal 365 Tage mal durchschnittlich 11 Hellstunden ergibt 9'636 Stunden (Lebens-Aktivitätszeit).
Davon verbringt sie 50% der Zeit am Brutplatz. Die Stundenhäufigkeit der Verhaltensweise mal 4'818 Stunden ergibt die minimale Lebenshäufigkeit. Bei den errechneten Minimalwerten wird angenommen, dass die Tauben ausserhalb des Schlages die betrachteten Verhaltensweisen nicht zeigen. Es muss also ein Korrekturfaktor eingeführt werden, der abschätzt, wie häufig die Verhaltensweise ausserhalb des Schlages gezeigt wird. Diese Gewichtung beruht auf Beobachtungen an Strassentauben im Freien und stellt eine Schätzung dar.
Kämpfe und Vertreiben sind ausserhalb des Schlages nur selten zu sehen. Prahlen tritt ausserhalb des Schlages etwa gleich häufig wie innerhalb auf. Schnäbeln als Paarbindeverhalten ist im Freien beim Ruhen ebenfalls etwa gleich häufig wie im Schlag zu sehen. Paarungsaufforderungen und Paarungen treten draussen eher selten auf. Für die Betrachtung der Lebenshäufigkeiten muss noch berücksichtigt werden, ob ein oder zwei Individuen involviert sind und ob sie von Männchen und Weibchen oder nur von einem Geschlecht gezeigt werden.
Die Errechnung der Lebenshäufigkeiten ermöglicht die Abschätzung, wie oft eine Strassentaube während ihres Lebens eine bestimmte Verhaltensweise zeigt. Tabelle 1 stellt die extrapolierten Lebenshäufigkeiten der erfassten Verhaltensweisen für die Täuber und die Täubinnen dar. Täuber übernehmen weitgehend die aggressiven Interaktionen die in Zusammenhang mit der Eroberung und Verteidigung des Brutplatzes notwendig sind. Dadurch sind sie am Brutplatz weit aktiver als die Täubinnen.
 
Verhalten

n aktiv/
Sex

nVerh.
pro Std.
Gewich
-tung
Lebensh.
Minimal
Täuber Schätzw.
Lebensh.
Täubinnen
Schätzw. Lebenh.
Prahlen
(n = 4'580)

1M

4.48

1.5

21'584

32'376

-

Vertreiben
(n = 7'509)

2 M/W

7.28

1.2

35'076

42'092

42'092

Kämpfe
(n = 537)

2M

0.96

1.1

4'624

5'088

-

Balzen
(n = 1'974)

1M

2.4

2

11'564

23'092

-

Schnäbeln
(n = 872)

1M+1W

1.04

1.8

5'010

9'018

9'018

Pa. auff.
(n = 314)

1 W

0.40

1.2

1'928

-

2'314

Paarungen
(n = 130)

1M+1W

0.16

1.2

770

924

924

Tabelle 1:
Geschlechtsspezifische Häufigkeiten aggressiv und sexuell motivierter Verhaltensweisen bei der Strassentaube
 
Verhalten = Bezeichnung der Verhaltensweise, in Klammern die beobachteten Häufigkeiten, n aktiv/Sex = Anzahl der Individuen die normalerweise in die Interaktion involviert sind und das Geschlecht (M = Männchen, W = Weibchen), das die Verhaltensweise zeigt, nVerh.pro Std. = durchschnittliche Anzahl der von den involvierten Tieren (1 oder 2, Männchen oder Weibchen) durchschnittlich pro Stunde gezeigten Häufigkeiten der Verhaltensweise bezogen auf ein Tier, Gewichtung = Multiplikationsfaktor der abschätzt, wie häufig eine Verhaltens- weise ausserhalb des Schlages vorkommt, Lebensh. Minimal = extrapolierte Lebens- häufigkeit der Verhaltensweisen, die im Schlag gezeigt werden, Täuber/Täubinnen Schätzw. Lebensh. = Schätzwert der Lebenshäufigkeiten innerhalb und ausserhalb des Schlages.
 

Aggressiv motivierte Interaktionen

Von den 15'916 ausgewerteten Verhaltensweisen waren rund 70% aggressiv motiviert. Das heisst, eine Strassentaube investiert unter den beobachteten Übervölkerungsbedingungen weitaus am meisten Zeit und Energie in die Eroberung und die Verteidigung ihres Brutplatzes. Freundliche Interaktionen, ausserhalb der Taubenfamilie (Täuber, Täubin, Nestlinge und Jungtiere) konnten nicht beobachtet werden.
Abb. 2 stellt die Anzahl der erfassten aggressiv motivierten Verhaltensweisen, die extrapolierten Lebenshäufigkeiten und die Durchschnittsstundenwerte für die Täuber und die Täubinnen dar. Der weitaus grösste Anteil der aggressiven Interaktionen wird von den Täubern erbracht und dient mit wenigen Ausnahmen der Eroberung und Verteidung der Brutterritorien. Die sehr hohen Werte für das Vertreiben und das Kämpfen können durch die übervölkerungsbedingungen im Versuchsschlag erklärt werden. Da die Tiere jederzeit aus dem Schlag aus- und zuwandern konnten, kann man davon ausgehen, dass sie sich "freiwillig" dieser Situation aussetzen. Der zu erzielenden Fortpflanzungserfolg im überbesetzten Schlag scheint den enormen Aufwand für die Eroberung und die Verteidigung der Brutterritorien kompensieren zu können.
Durchschittlich 7.3 mal pro Stunde wird eine Strassentaube vertrieben oder verjagt selber eine andere. Im den meisten beobachteten Fällen hatte diese aggressive Interaktion keinerlei negative Kosequenzen für das unterlegene Tier. Nach einer kurzen Verfolgung zog sich das vertreibende Individuum meist wieder zurück.
Beim Vertreiben von Nestlingen und Jungtieren die das Nest verlassen haben, können häufig teilweise schwere Verletzungen oder gar die Tötung des Tieres festgestellt werden. Solche Fälle konnten in zwei Situationen beobachtet werden: a) unter Stadtbedingungen bei Strassentauben (3) die eine zu hohe Besiedlungsdichte (< 1Tier/m2 Nutzfläche) aufwiesen und b) in einer Fleischtaubenfarm bei Haustauben mit einer Besatzdichte von etwa. 10 Tieren/m2 Nutzfläche (Abbildung 3). Dabei treten rassenspezifische Unterschiede auf. So kommen getötete und verletzte Tiere bei Colored Hubbel weit häufiger vor als bei White King.
Die Territoriumsbesitzer versuchen eingedrungene Nestlinge mit Schnabelhieben zu verjagen. Statt wie ein unterlegenes Adulttier sofort zu fliehen, ducken sich diese als Antwort auf die Malträtierung hin, schlagen mit den Flügeln und äussern das Angstpiepsen. Dieses Verhalten scheint keinerlei aggressionsbeschwichtigende Wirkung auf das angreifende Tier auszuüben. Da der aggressionsauslösende Reiz bestehen bleibt, hackt das angreifende Tier so lange auf die Jungtaube ein, bis sie entweder zufällig aus dem Revier gerät oder sich nicht mehr rührt. Auf diese Weise kann es zu sehr schweren Verletzungen kommen, an denen das Tier sterben kann (Abbildung 4). Die gleiche Situation konnte auch bei jungen Haustauben festgestellt werden, die in den überbelegten Zuchtvolieren keine Fluchtmöglichkeit fanden (Abbildung 5).
Untersuchungen in Felsentaubengrotten in Sardinien zeigten, dass die Nester unter natürlichen Bedingungen weit auseinander liegen und wegen der starken Strukturierung der Bruthöhlen kaum eine Möglichkeit besteht, dass ein Nestling in ein anderes Territorium gerät. Das von den Nestlingen gezeigte Verhalten (Ducken, Flügelschlagen, Angstpiepsen) ist unter diesen natürlichen Bedingungen sehr sinnvoll. Würden sie nämlich nach einer Attacke aus dem Nestbereich fliehen, wären sie unweigerlich verloren, da sie ihr Nest in der im Halbdunkel liegenden Brutgrotte kaum wiederfinden würden. Auch der Territoriumsbesitzer handelt adeaquat, wenn er alle Eindringlinge aus seinem Brutbereich zu vertreiben sucht. Erst die anthropogene Situation lässt diese an die natürliche Situation angepassten Verhaltensweisen zum Fehlverhalten werden.
Bei Tauben kämpfen normalerweise nur die Männchen. Die meisten Kämpfe werden durch ein kurzes Drohen eingeleitet, danach folgen meist einige Flügelhiebe und aggressives Picken (1), worauf sich der Unterlegene meist zurückzieht. Einige der beobachteten Kämpfe dauerten bis zu 20 Minuten und endigten mit der vollständigen Erschöpfung beider Kontrahenten. Keiner der 537 beobachteten Kämpfe führte zu ernsthaften Verletzungen. Hingegen fiel auf, dass durch das Herumttrampeln auf den Nestern Eier wegrollten und zerschlagen wurden. Jüngere Nestlingen wurden teilweise schwer verletzt. Rund 40% aller abgestorbenen Embryonen lassen sich auf die Zerstörung der Eier durch Kämpfe zurückführen (4). Ein Strassentäuber hat in seinem Leben schätzungsweise über 5'000 Kämpfe durchzustehen. Diese hohe Zahl lässt sich auf die übervölkerung unserer Strassentaubenpopulation zurückführen. Die zu hohe Dichte am Brutplatz führt zu dauernden Reibereien zwischen den Territoriumsbesitzern. Zusätzlich sind die wenigen geeigneten Brutplätze hart umkämpft und müssen gegen Eindringlinge verteidigt werden. Abbildung 6 stellt die Mechanismen dar, wie sich die Fütterung schlussendlich negativ auf die Lebensqualität der Strassentauben auswirkt.
Es zeigt sich auch hier, dass die Tauben an sich "richtig funktionieren". Wiederum ist es der Mensch und die von ihm verursachte Umweltsituation, die das an sich angepasste Verhalten zum Fehlverhalten werden lässt.

DISKUSSION

Aggressive Verhaltensweisen treten bevorzugt am Brutplatz auf. Vor allem das Vertreiben und Kämpfen spielen eine zentrale Rolle im Leben der Taube. Kann ein Täuber kein geeignetes Brutterritorium erobern, ist er auch nicht in der Lage, sich fortzupflanzen. Die vorliegende quantitative Analyse der Häufigkeiten der wichtigsten Verhaltensweisen zeigt auch, dass die Brutschwärme keine sozial harmonierenden Einheiten darstellen, sondern sich intraspezifischer Stress dauernd in territorialer Verteidigung und Eroberung in Form des Vertreibens und Kämpfens manifestistiert.
Die hohe Populationsdichte der Strassentauben dürfte der wichtigste Grund für die schlechten Lebensbedingungen im Strassentaubenschlag sein. Die hohe Populationsdichte wird durch die unvernünftige Fütterung durch Taubenfreunde verursacht. Neben schlechten hygienischen Bedingungen, die die Ausbreitung von Krankheiten und Parasiten fördert, wirkt sich die hohe Dichte auch auf die Häufigkeit verschiedener Verhaltensweisen aus. Das Hacken von Nestlingen und Jungtieren lässt sich auf die hohe Nestdichte zurückführen, da unter natürlichen Bedingungen keine direkten Verbindungen zwischen den Nestern bestehen.
In der Haustaubenhaltung müsste vermehrt versucht werden, zu hohe Dichten in den Zuchtvolieren zu verhindern, indem die Jungtauben nach dem Ausfliegen in spezielle Aufzuchtschläge verbracht werden. Verluste durch von Adulttieren verursacht Verletzungen könnten so vermindert werden. Zusätzlich sollten die rassenspezifischen Aggressionsniveaus berücksichtigt werden. Beispielsweise lassen sich White King unter höherer Dichte halten als Colored Hubbel. Zur Zeit wird versucht, Kriterien für die Bestimmung des rassespezifischen Aggressionsniveaus zu erarbeiten (Haag-Wackernagel, in Vorbereitung).
Die beobachtete Häufung aggressiver Verhaltensweisen dürfte eine wichtige Rolle in der dichteabhängigen Regulation der Brutschwärme spielen, indem schwache Tiere kaum eine Chance haben, sich dauerhaft in einem Schlag zu halten. Nur starke, gesunde und vitale Individuen dürften diesem Dauerstress gewachsen sein. Man könnte nun annehmen, dass Paare unter den beobachteten Bedingungen vermehrt ausserhalb des Schlages kopulieren. Dagegen spricht die Beobachtung, dass Kopulationen in der Stadt eher selten zu sehen sind. Vielleicht bestand oder besteht ein Selektionsdruck gegen Kopulationen ausserhalb des Brutplatzes, weil diese Verhaltensweise durch das Flügelschlagen des Männchens sehr auffällig ist und die Partner während des Geschlechtsaktes völlig auf sich selber konzentriert sind. Dies könnte sie im natürlichen Selektionssystem zu einem leichten Opfer von Beutegreifern machen.
Vergleichbare Resultate an Tauben wie auch an anderen Tierarten sind dem Autor nicht bekannt. Es ist deshalb schwierig, vorliegenden Zahlen vergleichend zu interpretieren. Es wäre sehr interessant, eine quantitative Bilanz aggressiven und sexuellen Verhaltens an anderen Vögeln zu erheben, die unter ähnlichen Bedingungen brüten (Pelikane, Tölpel, Kormorane, Pinguine). Zu berücksichtigen wäre in diesem Zusammenhang noch, dass Strassentauben während ihres ganzen Lebens diesen Bedingungen ausgesetzt sind, während die meisten anderen Koloniebrüter nur während ihrer Brutzeit zusammenleben.

ZUSAMMENFASSUNG

Durch eine ethometrischen Analyse an Strassentauben wurde gezeigt, dass unter Übervölkerungsbedingungen der grösste Teil aller sozialen Interaktionen aggressiver Natur ist. Diese führen über verschiedene Mechanismen zu "slumartigen" Lebensbedingungen, die von intraspezifischem Stress geprägt sind. Die Errechnung der Lebenshäufigkeiten der wichtigsten aggressiv und sexuell motiverten sozialen Interaktionen ermöglicht eine Charakterisierung der Strassentaube in ihrem urbanen Lebensraum. Dabei zeigt es sich, dass an natürliche Umweltbedingungen angepasste Verhaltensweisen in der anthropogenen Umgebung zum Fehlverhalten werden können. In der kommerziellen Haustaubenhaltung sollte ebenfalls versucht werden, zu hohe Dichten zu verhindern. Dabei müssten auch rassenspezifische Veranlagungen für die Bereitschaft, aggressives Verhalten zu zeigen, berücksichtigt werden. Bei Strassentauben dürften die häufigen aggressiven Interaktionen am Brutplatz eine wichtige Rolle als dichteabhängiger Regulationsmechanismus der Populationsgrösse spielen.
LITERATUR

HAAG-WACKERNAGEL D. Ethogramm der Taube. "Orn-Projekt" Nr. 13, XII/91, Ruhr Universität Bochum 1991.

HAAG D. Lebenserwartung und Altersstruktur der Strassentaube. Der Ornithologische Beobachter 1990; 87: 147-151.

HAAG D. Population density as a regulator of mortality among eggs and nestlings of feral pigeons in Basel, Switzerland. In: Nestling mortality of granivorous birds due to microorganisms and toxic substances, Eds.: J. Pinowski et. al., PWN Plolish scientific publishers 1991; 21-31.

GARDELLI U. The causes of mortality among eggs and nestlings of feral pigeons in Basel, Switzerland. Diss. Med. Vet. Fak., University of Bern, manuscript 1994.

HAAG-WACKERNAGEL D. Zur Biologie der Strassentaube. Habilitationsarbeit, Verlag Medizinische Biologie, Universität Basel, 1993.

Phenotype dependent selection of juvenile urban Feral Pigeons, Columba livia

 
Feral pigeons show a high genetic variation. Our study suggests the existence of colour-based selection. Dark coloured forms seem to have a better survival rate in the urban habitat. These birds seem to have better resistance against diseases and physical influences.
 

The feral pigeon is an interesting model for studying evolutionary processes in urban ecosystems. In the Vienna population we proved 23 hereditary factors that influence plumage colour and pattern. In our study, we suggest the existence of colour based selection processes on juvenile feral pigeons by comparing the differences in colour morph frequencies between juvenile and adult feral pigeons. We could demonstrate that melanic (dark-coloured) forms have a significantly better survival rate in the urban habitat than the comparison group of wild type birds. One colouration called Checkers, clearly seems to be handicapped. There is evidence that melanic feral pigeons are more resistant against diseases like for example ornithosis. Additionally, melanic pigeons seem to have a better resistance against physical influences.
Many features of how feral pigeons use the urban habitat remain unknown or controversial.

 

Publications

Haag, D. (1991) Ethogramm der Taube. Reihe "ORN-Projekt", Herausg. Michael Abs und Heike Galhoff, Ruhr Universität Bochum, 13/XII: 73 S.

Weber, J., Haag, D., Durrer, H. (1993) Aufzucht und Bettelverhalten der Taubennestlinge. Der ornithologische Beobachter, 90: 35–80.

Weber, J., Haag, D., Durrer, H. (1994) Interactions between humans and pigeons. Anthrozoös, 1: 55–59.

Haag-Wackernagel, D. (1994) Zur Ethologie der Taube. Tierärztliche Praxis 22: 358–363.

Leiss, A. & Haag-Wackernagel, D. (1999) Gefiederfärbungen bei der Strassentaube (Columba livia). Journal für Ornithologie 140: 341–353.

Leiss, A. & Haag-Wackernagel, D. (1999) Variabilität und Bestimmung der Gefiederfärbungen bei der Strassentaube (Columba livia). (Variability and determination of the plumage coloration of the feral pigeon Columba livia). Ökologie der Vögel (Ecology of Birds) 21: 331–361.

 

Spatio-temporal use of the urban habitat by feral pigeons (Columba livia)

Feral pigeons in Basel cover distances of up to 5.3 km and they own partially overlapping home ranges of up to 150 ha. This interconnectedness of the flocks has an important impact on the transmission routes of diseases and parasites.
 
In a GPS-project we studied the spatio-temporal use of the urban habitat by feral pigeons in Basel. We equipped feral pigeons with GPS-receivers that calculated and stored the position of the individual birds. The results showed that pigeons in Basel cover distances up to 5.3 km and individual home ranges cover up to 150 ha. We additionally could prove that our feral pigeons show very individual feeding strategies and the composition of feeding flocks varies at different times and days. Home ranges of the lofts overlap partially and the use of the city varies according to season, breeding status, sex, and affiliation to a loft. The total ranges of the lofts showed an existing overlap between the various pigeon populations. This overlap explains the occurrence of epidemics in feral pigeon populations. Diseases can be transmitted at important feeding sites that are meeting points for pigeons from different parts of the city. Detailed information on the transmission routes are of human concern, since feral pigeons are a reservoir of human pathogenic diseases and parasites.
 

Publications

 

Rose E., Nagel P., Haag-Wackernagel D. (2005). Suitability of using the global positioning system (GPS) for studying Feral Pigeons Columba livia in the urban habitat. Bird Study 52: 145–152.

Rose, E., Haag-Wackernagel, D., Nagel, P. (2006). Practical use of GPS-localisation of Feral Pigeons Columba livia in the urban environment. Ibis 148: 231–239. (HTML)

Rose, E., Nagel, P., Haag-Wackernagel, D. (2006). Spatio-temporal use of the urban habitat by feral pigeons (Columba livia). Behavioral Ecology and Sociobiology 60: 242–254.

 
© Universität Basel Anatomisches Institut Research Group Integrative Biology Daniel Haag-Wackernagel